
Kennst du das Gefühl, wenn dein Partner etwas anders macht als vereinbart und sofort dein Kopfkino anspringt? „Natürlich. Wieder mal. Immer ich.“ Oder wenn eine Situation nicht wie geplant verläuft und du sofort in den Mangel rutschst – überzeugt, dass du zu kurz kommst, dass andere es besser haben, dass das Leben unfair ist?
Willkommen im Club. Du bist nicht allein.
In diesem Artikel erfährst du:
- Warum wir aus dem Vertrauen fallen – die wissenschaftlichen Gründe hinter Misstrauen und Kontrollbedürfnis
- Die drei Dimensionen des Vertrauens in Beziehungen: Selbstvertrauen, Vertrauen in den Partner und Vertrauen ins Leben
- Wie Paare sich gegenseitig in den Mangel ziehen – und wie sie sich gegenseitig zurück ins Vertrauen helfen können
- Konkrete Alltagsstrategien, um schneller aus der Mangel-Spirale zurückzukommen
Dieser Text basiert auf meiner eigenen Reise vom Misstrauen zum Vertrauen und auf meiner Arbeit mit Paaren, die genau dort stecken, wo du vielleicht gerade bist: Im Kampf gegen Erwartungen. Im Ringen mit Kontrolle. In der Angst, zu kurz zu kommen.
Es geht nicht darum, perfekt zu vertrauen. Es geht darum, zu lernen: Fallen. Bemerken. Zurückkommen.
Die unendliche Kunst, Kontrolle loszulassen.
Bist du bereit? Dann lass uns anfangen.
Die Illusion der Kontrolle
Ich sitze in meinem Hotelzimmer in Kambodscha und starre auf mein Handy. Die Nachricht ist kurz. Ich spüre einen Schlag in die Magengrube: „My friend is a guide with you. He is good guide. I am busy. I am sorry.“
Sofort kippt etwas in mir. Statt des gebuchten Reiseführers bekommen wir den Freund als Ersatz.
Natürlich. Wieder mal. Immer ich.
Ich merke, wie mein Kopfkino anspringt. Diese Gedanken kenne ich so gut: Ich komme zu kurz. Ich bekomme nicht, was mir zusteht. Andere bekommen, was sie wollen, aber bei mir läuft es immer anders.
Ich habe jetzt eine Stunde recherchiert! Habe Bewertungen gelesen, Preise verglichen. Ich habe ALLES richtig gemacht – und trotzdem…
Tränen steigen auf. Die Welt ist unfair. Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Und das ist NIE meiner. Egal wie ich mich anstrengen werde, ich werde nicht bekommen, was ich brauche.
Du bist so dumm. Warum glaubst du immer wieder, dass es diesmal anders wird? Warum denkst du, dass du das verdienst, was du dir wünschst?
Ich bin in den Mangel gerutscht. Auf der Rutsche gibt es kein Zurück. Unten wartet die Opferrolle. Sie fühlt sich so vertraut an. Mir passiert das immer. Andere haben Glück, ich habe Pech. Andere bekommen den guten Reiseführer, ich bekomme den Ersatz. Ich bin die, die übrig bleibt.
Innerhalb von Minuten habe ich die ganze Geschichte erzählt: Der Freund wird bestimmt schlechter sein. Er wird nicht so viel wissen. Wird nicht so engagiert sein. Ich werde eine schlechtere Erfahrung machen als die, die den „richtigen“ Guide hatten. Wieder mal die B-Version.
Ich merke nicht, wie ich mich selbst einsperre. Wie ich das Tor zumache zu allem, was kommen könnte. Wie ich mich klein mache, zusammenziehe, verhärte.
Wenn ich nur alles richtig plane, wenn ich nur genug recherchiere, wenn ich nur vorsichtig genug bin, dann wird mir nicht genommen, was mir zusteht.
Die Illusion ist so verführerisch: Kontrolle als Schutz vor dem Mangel. Als Garantie dafür, dass ich endlich bekomme, was ich brauche.
Was ich in diesem Moment nicht weiß: Es wird alles gut werden. Denn dazu braucht es meine Entscheidung: die Geschichte vom Mangel loszulassen.
Diese alte Überzeugung, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist. Diese alte Angst, dass für mich nicht genug da ist. Und die Illusion, dass ich – wenn ich nur gut genug kontrolliere – verhindern kann, dass mir etwas weggenommen wird.

Hi, ich bin Jutta
Ich begleite Menschen auf ihrer ganz persönlichen Beziehungsreise.
Als Psychologin arbeite ich mit einem feinen Gespür für das, was hinter dem Streit liegt.
Du musst nicht perfekt sein. Nur bereit, hinzuschauen.
Der Moment des Erkennens
Da kommt schon die Nachricht des „neuen“ Reiseführers. Er fragt nach unserem Hotel.
Oh nein. So läuft das nicht.
Ich antworte knapp: „Wir kommen mit dem Motorrad.“
Ich hantiere hektisch mit dem Handy. Thomas schaut mich an. „Bereit für den nächsten Scam?“, sage ich mit einem bitteren Lächeln.
Er sagt nichts. Kennt mich gut genug, um zu wissen, dass ich jetzt in diesem Modus bin: Genervt. Bereit, mich selbst zu beschimpfen.
Pünktlich stehen wir vor Angkor Wat. Vom Reiseführer nichts zu sehen.
Natürlich. Hab ich’s doch gewusst.
Gleichzeitig sprechen uns mehrere Reiseführer an. Sie stehen in kleinen Gruppen zusammen.
Siehst du? Wir hätten direkt hier einen engagieren können. Dann hätten wir wenigstens prüfen können, ob wir ihr Englisch verstehen. Aber nein, ich musste ja im Voraus buchen. Wieder mal die Dumme.
Ich werde immer säuerlicher. Wo ist das nächste Loch, in das ich mich setzen kann.
Da ruft er an. „Sorry, sorry! Ich warte an der anderen Ecke!“
Natürlich. Kann nicht mal klare Absprachen treffen.
Kurz darauf erscheint er. Lächelt. Streckt die Hand aus. „I’m sorry.“ Wir haben am Straßenrand geparkt. Er hat am offiziellen Parkplatz auf uns gewartet.
Ich schüttle seine Hand, aber mein Körper bleibt angespannt.
Er beginnt Smalltalk. Fragt, woher wir kommen. Was wir schon gesehen haben in Kambodscha.
Aha. Jetzt kommt’s. Der will uns bestimmt eine Tuk-Tuk-Tour andrehen. Zum Wasserfall.
„Welche Tempel habt ihr schon besucht?“, fragt er freundlich.
Thomas – immer vorbereitet – zückt seine Liste. Die Tempel, die wir bereits gesehen haben. Ordentlich aufgeschrieben.
Der Guide nickt. Studiert die Liste. „Okay, good.“
Wir folgen ihm. Ich immer noch überzeugt, dass jeden Moment der Haken kommt. Der Moment, wo ich merke: Wieder mal übers Ohr gehauen. Wieder mal die Naive. Wieder mal zu kurz gekommen.
Erst 10 Minuten später passiert es. Seine Taschenlampe wandert über ein Relief. Er erklärt Geschichte und Details. Er mag seinen Job.
Etwas in mir beginnt sich zu lösen.
Er zeigt uns Perspektiven, die ich alleine nie gefunden hätte. Erklärt die Bedeutung von Symbolen, die ich nicht mal fotografiert hätte. Er bittet um unsere Handys. Hier sollen wir uns hinstellen. Zack. Foto im Kasten.
Und plötzlich bin ich nicht mehr in meinem Kopf. Nicht mehr in meiner Geschichte vom Betrogensein. Ich bin hier. In diesem Tempel. In diesem Moment und in der Fülle.
Am Nachmittag bemerke ich, dass ich entspannt bin. Dass ich Fragen stelle, die mich wirklich interessieren. Dass ich lache. Dass ich… vertraue.
Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, denke ich, wenn der ursprüngliche Guide gekommen wäre – wäre es besser gewesen? Oder nur… anders?
Vielleicht wäre es genauso gut gewesen. Vielleicht schlechter. Vielleicht besser.

Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, dass ich zwei Stunden meiner Lebenszeit verschwendet habe. Verschwendet mit Misstrauen. Mit der Überzeugung, dass ich zu kurz komme. Mit der Angst, dass mir wieder etwas genommen wird.
Während die ganze Zeit genau das da war, was ich gesucht hatte: ein guter Guide. Ich war nur zu beschäftigt damit, mich selbst zu schützen, um es zu sehen.
Ich war im Mangel – während ich mitten in der Fülle stand.
Spannend daran ist: Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Und es wird nicht das letzte Mal sein.
Ich falle aus dem Vertrauen. Immer wieder. In diese alte Geschichte vom Zu-kurz-Kommen, vom Opfersein.
Meine Aufgabe ist, immer wieder zu bemerken: Jetzt bin ich auf der Rutsche. Kann ich es noch stoppen? Rutsche ich fertig und entscheide dann, halt ich will es anders? Ich habe eine Wahl. Zurück ins Vertrauen. Zurück in das, was wirklich ist – statt in das, was ich befürchte.
Das Paar-Phänomen: Vertrauen als gemeinsame Herausforderung
Was in Kambodscha passiert ist, war meine persönliche Geschichte. Ich allein in meinem Mangel-Gefühl. Ich allein in meiner Opferrolle. Ich aus dem Vertrauen gefallen.
Und Thomas war da. Er ist nicht aus dem Vertrauen gefallen. Er stand da, vor Angkor Wat, entspannt und offen. Während ich innerlich schon die nächste Katastrophe malte, hat er einfach gewartet. Hat die Liste mit den Tempeln vorbereitet. Hat dem Guide freundlich geantwortet.
Ich erinnere mich an seine Reaktion, als ich sagte: „Bereit für den nächsten Scam?“
Er hat nicht widersprochen. Er hat gesagt: „Ah, so fühlst du dich. Da bist du also.“
Das ist die Sache mit Paaren: Wir fallen nicht immer gleichzeitig.
Manchmal fällt einer aus dem Vertrauen, während der andere noch drin ist. Manchmal fallen beide gleichzeitig – aber in unterschiedliche Richtungen. Und manchmal – in den wirklich schwierigen Momenten – verstärken wir uns gegenseitig in unseren Ängsten, bis keiner mehr weiß, wo oben und unten ist.
Wenn ich alleine reise und aus dem Vertrauen falle, betrifft das nur mich. Ich kann mich in meinem Mangel-Gefühl einrichten, kann meine Wut pflegen, kann mich selbst bemitleiden – und irgendwann, wenn ich bereit bin, kann ich mich umentscheiden.
Aber zu zweit?
Zu zweit wird aus meinem Misstrauen ein „Wir sollten vorsichtig sein.“ Aus meiner Angst wird „Ich will dich schützen.“ Aus meinem Kontrollbedürfnis wird „Ich weiß es besser.“
Und plötzlich ist es nicht mehr nur meine Geschichte. Es ist unsere Geschichte.
Ich sehe es bei uns immer wieder:
Wenn ich aus dem Vertrauen falle – wenn ich in den Mangel rutsche, wenn ich glaube, dass andere es besser haben als wir, dass wir zu kurz kommen – dann will ich Thomas mitnehmen auf die Rutsche. Ich will, dass er meine Angst validiert.
„Hast du gesehen, wie der uns angeschaut hat?“ „Glaubst du wirklich, dass das klappt?“ „Wir hätten das anders machen sollen.“
Es sind Einladungen in meine Geschichte vom Mangel. In meine Überzeugung, dass die Welt unsicher ist. In meine Angst, dass wir nicht bekommen, was wir verdienen.
Wenn er die Einladung annimmt, dann verstärken wir uns gegenseitig. Dann wird aus meiner Angst unsere Angst. Aus meinem Misstrauen unsere gemeinsame Vorsicht. Aus meiner Enge unsere gemeinsame Verkrampfung.
Und plötzlich sitzen wir beide im Mangel. Beide überzeugt, dass wir uns schützen müssen. Beide getrennt von dem, was wirklich ist.
Da erzähle ich gerne die Geschichte, als wir ein Auto verkauft haben:
Der osteuropäische Käufer kam dann doch nicht persönlich. Er schickte einen Cousin.
Und in unserem Kopfkino war klar, dass der Cousin vor Ort noch mal den Preis drückt, er mit Falschgeld bezahlt und ein Verbrechen mit dem Auto begeht, das auf uns zurückfällt. Ist übrigens nicht passiert!
Das Geld war echt. Der Verkauf einfach. Das Auto wurde wie versprochen abgemeldet.
Manchmal macht er etwas anderes. Er bleibt im Vertrauen. Nicht belehrend. Er sagt nicht: „Du übertreibst wieder.“ Oder: „Jetzt komm mal runter.“
Er bleibt einfach offen. Er bereitet die Liste vor. Er grüßt den Guide freundlich.
Und durch sein stilles Vertrauen entsteht ein Raum. Ein Raum, in den ich zurückkommen kann, wenn ich bereit bin.
Das ist das Geschenk in Beziehungen: Wir können uns gegenseitig halten. Können Brücken bauen zurück ins Vertrauen.
Gleichzeitig nur, wenn der andere es will. freiwillig.
Ich kann Thomas nicht zwingen, in meinem Misstrauen zu bleiben. Und er kann mich nicht zwingen, ins Vertrauen zurückzukommen.
Wir können nur Räume schaffen. Möglichkeiten anbieten. Präsent sein.
Gleichzeitig ist klar: Das nächste Mal kann es anders sein. Das nächste Mal fällt vielleicht er zuerst. Oder wir fallen beide. Oder wir ziehen uns gegenseitig auf die Rutsche. So ist das Leben.
Die Frage ist nicht, ob wir fallen. Die Frage ist: Können wir uns gegenseitig zurückhelfen? Können wir Räume halten? Können wir – jeder für sich und beide zusammen – immer wieder die Wahl treffen, die Fülle zu fühlen?
Die drei Dimensionen des Vertrauens in Beziehungen
Wenn ich über Vertrauen nachdenke, dann sehe ich, dass es nicht nur um eine Art von Vertrauen geht.
Es sind drei Dimensionen: Selbstvertrauen, Vertrauen in meine PartnerIn, Vertrauen ins Leben.
Und in Beziehungen? Da tanzen diese drei Dimensionen miteinander. Verstärken sich. Oder blockieren sich gegenseitig.
Dimension 1: Selbstvertrauen in der Beziehung
Das ist die erste Dimension. Als ich vor Angkor Wat stand und dachte „Du bist so dumm“ – da war ich nicht im Vertrauen zu mir selbst.
Ich habe mir nicht zugetraut, mit der Situation umzugehen. Habe mir selbst die Schuld gegeben für etwas, das ich gar nicht kontrollieren konnte.
Ich bin das Opfer. Mir passiert das immer.
Das ist das Gegenteil von Selbstvertrauen.
Selbstvertrauen heißt nicht: Ich mache nie Fehler. Ich entscheide immer richtig. Ich habe immer Kontrolle.
Selbstvertrauen heißt: Ich kann damit umgehen, was auch immer kommt.
Auch wenn der Plan nicht aufgeht oder ich mich „falsch“ entschieden habe. Ich werde damit umgehen können.
Wie oft rutschen wir ins Gegenteil?
Wie oft beschimpfen wir uns selbst, wenn etwas „schiefgeht“? „Wie konnte ich nur so naiv sein?“ „Ich hätte es besser wissen müssen.“ „Typisch ich – immer die Dumme.“
Diese innere Stimme, die uns klein macht. Die uns sagt: Du bist nicht gut genug. Kontrolliere alles, sonst geht es schief.
Und in Beziehungen? Da wird es noch komplizierter.
Wenn ich mir selbst nicht vertraue, dann brauche ich meinen Partner als Bestätigung. Dann frage ich ständig: „War das richtig, wie ich das gemacht habe?“ „Findest du, ich hätte anders reagieren sollen?“ „Meinst du, ich bin…?“
Ich suche im Außen, was ich im Innen nicht habe: Die Gewissheit, dass ich okay bin. Gleichzeitig zweifle ich, dass die Antworten des anderen echt sein können. Denn ich bin mir sicher, dass ich nicht genug bin.
Das ist eine Belastung für beide in der Partnerschaft.
Selbstvertrauen in Beziehungen heißt: Ich darf meine eigenen Entscheidungen treffen – auch wenn sie „falsch“ sind. Ich darf meine eigenen Fehler machen – und daraus lernen. Ich darf mein eigener Mensch sein – nicht eine Kopie von dem, was mein PartnerIn für richtig hält.
Und ich übe Selbstmitgefühl.
Wenn ich vor Angkor Wat gestanden hätte und zu mir gesagt hätte: „Hey, ich verstehe, dass du enttäuscht bist. Du hattest eine Vorstellung, und jetzt ist es anders. Das ist schwer. Und du schaffst das. Lass uns schauen, was passiert.“
Wie anders wäre der Morgen gewesen?
Nicht die Situation hätte sich geändert. Der Guide wäre derselbe gewesen. Der Plan wäre derselbe gewesen.
Aber ich wäre anders gewesen. Offener. Weicher. Präsenter.
Nicht im Meckern, sondern im Frieden.
Dimension 2: Vertrauen in den Partner/die Partnerin aufbauen, halten
Die zweite Dimension ist Vertrauen in den Partner/die Partnerin. Das ist die, die wir meist meinen, wenn wir von „Vertrauen in Beziehungen“ sprechen.
Oberflächlich betrachtet heißt Vertrauen in den Partner/in die Partnerin: Ich glaube, dass er/sie mich nicht betrügt. Dass er/sie nicht lügt. Dass er/sie es gut mit mir meint.
Tieferes Vertrauen heißt: Ich lasse seine Andersartigkeit zu.
Das ist schwer.
Denn in Wahrheit wollen wir oft, dass unser Partner oder Partnerin so ist wie wir. Oder so, wie wir denken, dass er/sie sein sollte.
Ich sehe es bei mir:
Wenn Thomas in einer Situation entspannt bleibt, in der ich angespannt bin – manchmal nervt mich das.
„Warum bist du nicht wachsam? Warum siehst du nicht, was hier passiert? Warum nimmst du das nicht ernst?“
Ich projiziere mein Gefühl auf ihn. Ich will, dass er meine Angst teilt und meine Sicht übernimmt.
Und wenn er es nicht tut? Dann fühle ich mich unwichtig und nicht verstanden.
Tatsächlich ist es so, dass er seine Lebenserfahrung hat. Er hat seine Werte und daraus ergeben sich seine Reaktionen.
Vertrauen in den Partner heißt: Ich vertraue ihm, seinen eigenen Weg zu finden. Ich lasse zu, dass er anders entscheidet als ich. Ich höre auf zu glauben: „Du würdest das nie so machen wie ich“ – als wäre meine Art die einzig richtige.
Das ist verdammt schwer.
Besonders in schwierigen Situationen.
Stellen wir uns ein Paar vor, dass mit dem Auto in den Urlaub gefahren ist. An der Grenze zu Italien geht das Auto kaputt. Jetzt wird das Paar Entscheidungen treffen: Fahren wir zurück? Lassen wir das Auto hier? Wie organisieren wir das?
Und ich bin mir sicher: Sie haben nicht bei jedem Detail dieselbe Meinung. Sie haben unterschiedliche Ängste, unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Ideen.
Aber sie vertrauen einander zu: Du findest deinen Weg. Ich finde meinen Weg. Und zusammen finden wir unseren Weg.
Das ist kein blindes Vertrauen. Das ist kein: „Ich glaube einfach, dass alles gut wird.“
Das ist: Ich (ver)traue dir zu, dass du mit Unsicherheit umgehen kannst. Dass du Verantwortung für dich übernimmst. Dass du – auch wenn es schwierig wird – bei dir bleibst.
Und das funktioniert nur, wenn die erste Dimension da ist: Wenn beide sich selbst vertrauen.
Wenn ich mir selbst nicht vertraue, dann kann ich meinem Partner/meiner Partnerin nicht wirklich vertrauen.
Dann brauche ich ihn/sie als Stütze. Als Ersatz für mein fehlendes Selbstvertrauen. Dann wird aus Vertrauen Abhängigkeit.
Aber wenn ich mir selbst vertraue – wenn ich weiß: Ich kann damit umgehen, was kommt – dann kann ich meinem Partner/meiner Partnerin Raum geben.
Raum für Andersartigkeit. Raum für Fehler. Raum für seinen/ihren eigenen Prozess.
Der Partner/die Partnerin muss nicht perfekt sein. Er/sie muss nicht immer richtig liegen. Und vor allen Dingen muss er/sie nicht meine Projektionen erfüllen.
Und ich vertraue, dass es so auch gut ist.
Als wir im Urlaub in Kambodscha (hier klicken zum Reisetagebuch) waren, gab es eine App. Die GRAB-App. Damit kann man ein Taxi oder Tuktuk bestellen. Du gibst den Standort ein und die Koordinaten des Ziels. Der Fahrer kommt, fährt dich und du zahlst über die App. Thomas liebt diese App. Ich hätte schon gerne mal einfach das Tuktuk genommen, das da schon stand.
Weshalb soll extra jemand herfahren, wenn hier doch schon jemand ist?
Gleichzeitig war klar, Thomas möchte das immer mit der App machen. Also bin ich ins Vertrauen gegangen und habe gewartet, bis Thomas alles in die App gefummelt hat (du merkst meine Ungeduld), habe mich umgeschaut und dies und das entdeckt.
Dimension 3: Vertrauen ins Leben, Kontrolle loslassen
Die dritte Dimension ist allumfassender: Ich vertraue dem Leben selbst.
Es ist die Haltung: Das Leben ist gut. Auch wenn es sich gerade wie eine Katastrophe anfühlt. Ich lasse zu, dass passiert, was passiert.
Vertrauen ins Leben heißt nicht: Ich lehne mich zurück und erwarte, dass das Universum mir alles auf dem Silbertablett serviert.
Vertrauen ins Leben bedeutet, ich übernehme Verantwortung und ich treffe Entscheidungen. Aber ich halte nicht krampfhaft an meiner Vorstellung fest, wie es sein muss.
Das Leben schenkt. Immer. Wenn wir loslassen, was wir dachten, dass wir brauchen. Wenn wir Raum machen für das, was wirklich ist.
Und in Beziehungen?
Wenn ich mir selbst vertraue und meinem Partner/meiner Partnerin vertraue – aber nicht dem Leben –, dann wird jede Krise zur Katastrophe.
Dann ist jeder Plan, der zerbricht, ein Beweis, dass die Welt gegen uns ist. Dann ist jede Unsicherheit ein Grund zur Panik.
Aber wenn ich dem Leben vertraue?
Dann kann ich atmen. Dann kann ich loslassen. Dann kann ich sagen:
Okay. Das ist jetzt so. Ich weiß nicht, wie es ausgeht. Aber ich vertraue: Es wird sich zeigen. Es wird sich fügen. Auf eine Weise, die ich jetzt noch nicht sehen kann.
Gerne sage ich: Wenn eine Tür zugeht, geht vielleicht ein Schloßtor auf? Wenn du diesen Job nicht bekommst, bekommst du einen viel besseren? Weshalb denkst du, dass genau dieser Job der einzig richtige gewesen wäre?
Warum wir aus dem Vertrauen fallen: 5 psychologische Gründe
Ich wünschte, ich könnte sagen: Seit Kambodscha habe ich gelernt zu vertrauen.
Aber das wäre gelogen.
Letzte Woche erst: Eine Veranstaltung wurde kurzfristig abgesagt. Meine sofortige Reaktion? Natürlich. Wieder mal. Immer ich. Gestern hat Thomas etwas anders organisiert, als wir besprochen hatten. Kontrollverlust. Ärger. Warum kann er nicht einfach…? Heute Morgen meldet sich ein Kunde nicht zurück, und sofort läuft das Kopfkino: Der springt ab. Ich verliere den Auftrag. Ich bin nicht gut genug.
Ich falle immer wieder aus dem Vertrauen, in den Mangel, in die Kontrolle, in die alte Geschichte.
Und ich habe aufgehört, mich dafür zu verurteilen. Weil ich verstanden habe: Es gibt Gründe, weshalb ich aus dem Vertrauen falle, die im Mensch sein und in der Biologie vehaftet sind.
Der Negativitätsbias: Warum unser Gehirn Misstrauen bevorzugt
Die Wissenschaft sagt: Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, negative Reize stärker wahrzunehmen und zu gewichten als positive.
Der Urmensch, der schnell auf Gefahrensignale reagierte, überlebte. Dabei war es gleichgültig, ob es die „richtige“ Reaktion war oder eine Über-Reaktion.
Der Säbelzahntiger im Gebüsch? Musste sofort erkannt werden. Keine Zeit für: „Vielleicht ist es auch nur der Wind…“ Ein Mitglied meiner Horde denkt, einen Säbelzahntiger entdeckt zu haben? Da flüchten wir mit. Denken wird auf später verschoben.
Nur: Wir leben nicht mehr in der Savanne.
Der „Ersatz“-Guide ist kein Säbelzahntiger. Die abgesagte Veranstaltung wird mich nicht umbringen. Aber mein Gehirn weiß das nicht. Es tut, was es seit Jahrtausenden tut: Es scannt nach Gefahr.
Eine negative Erfahrung? Brennt sich ein und wird gespeichert. Eine positive Erfahrung? Schön, aber evolutionär nicht so (überlebens)wichtig.
Wenn ich neun gute Erfahrungen mit Reiseführern mache und eine schlechte – welche erinnere ich am stärksten? Die schlechte. Wenn neun Menschen helfen und einer ist unfreundlich – worüber würde ich nachts grübeln? Über den einen Unfreundlichen.
Das ist der Negativitätsbias. Er macht aus einer neutralen oder sogar positiven Realität eine bedrohliche. Ich lasse mich von negativen Ereignissen stärker beeinflussen und übersehe so Chancen.
Achtsamkeit lernen: In der Gegenwart bleiben
Der Negativitätsbias wird verstärkt durch die Gewohnheit entweder über die Vergangenheit zu grübeln oder sich über die Zukunft zu sorgen.
Sicherlich kennst du das Konzept Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein. Körperlich und mental. Es gibt unzählige Kurse, Achtsamkeit zu üben. Denn für die meisten Menschen ist es kein Normalzustand wirklich im Hier und Jetzt zu sein. Viele hängen mit ihren Gedanken entweder in der Vergangenheit fest, beschäftigen sich mit Sorgen oder denken über die Zukunft nach.
Als der Guide absagt, bin ich sofort in der Zukunft. Male mir aus, wie schlecht die Tour wird, wie enttäuschend, wie anders als geplant. Ich bin nicht in Kambodscha. Ich bin in meinem Kopf, in einer Zukunft, die noch nicht existiert, in einem Szenario, das ich selbst erschaffe.
Vor lauter Grübeln, Hadern und Entscheidungsversuchen verlieren wir den Kontakt zu genau der Zeit, in der wir handlungsfähig sind: zur Gegenwart, dem Hier und Jetzt.
In der Vergangenheit kann ich nichts ändern. Sie ist vorbei. Unveränderlich. Ich kann nur hadern, bereuen, mich schuldig fühlen. In der Zukunft kann ich auch nichts ändern. Sie ist noch nicht da. Ich kann nur spekulieren, fürchten, kontrollieren wollen. Nur in der Gegenwart bin ich handlungsfähig. Da kann ich wahrnehmen, reagieren, gestalten.
Wenn der „Ersatz“-Guide vor mir steht, was ist jetzt wahr? Ein freundlicher Mann, ein Lächeln, eine ausgestreckte Hand. Das ist die Realität.
Aber ich erlebe es nicht. Weil ich in meinem Kopf bin, in meiner Geschichte, in meiner Zukunftsangst.
Damit verpassen wir wertvolle Gelegenheiten, jetzt so sein zu können wie wir es wollen. Das wir jetzt das tun zu können, was uns wichtig ist. Ich verpasse den Moment, den es wirklich gibt. Ich sitze in meinem Hotelzimmer und grüble über eine Zukunft, die vielleicht nie eintritt, während das Leben weitergeht.
In Beziehungen wird es noch schlimmer. Wenn Thomas etwas anders macht als besprochen, bin ich sofort in der Vergangenheit: „Das hat er schonmal gemacht. So wird es jetzt für ewig weitergehen.“ Wenn der Kunde sich nicht meldet, bin ich in der Zukunft: „Ich werde nie mehr Kunden für mich gewinnen. Niemand wird jemals wieder buchen.“
Ich bin nie im Jetzt. Im Jetzt wäre: Thomas hat anders entschieden. Punkt. Was ist jetzt möglich? Was brauche ich jetzt? Im Jetzt wäre: Der Kunde hat sich nicht gemeldet. Punkt. Was kann ich jetzt tun?
Im Jetzt zu sein ist ungewohnt. Ich bin der Überzeugung, dass der natürliche Zustand im Hier und Jetzt sein spätestens mit dem Beginn der Schulzeit endet. Da geht es nur noch um Vergangenheit und Zukunft.
Kontrolle als Illusion in der Beziehung
Wir setzen Kontrolle zur Vermeidung negativer Erfahrungen ein – um uns sicher zu fühlen, uns vor Verlusten zu schützen, Fehler zu vermeiden.
Wenn ich nicht weiß, ob ich das, was kommt, aushalten kann, dann versuche ich durch Kontrolle die Macht zu erlangen. Ich recherchiere stundenlang, plane jeden Schritt, versuche alle Variablen zu berücksichtigen. Nicht, weil ich gerne plane, sondern weil Kontrolle sich anfühlt wie Sicherheit.
Wenn ich nur gut genug vorbereitet bin, kann nichts schiefgehen. Wenn ich nur alle Möglichkeiten durchdenke, bin ich geschützt. Wenn ich nur die richtige Entscheidung treffe, komme ich nicht zu kurz.
Die Sicherheit, die wir uns als Schutz aufzubauen glauben, existiert nicht. Sie ist eine Illusion.
Ich kann nicht kontrollieren, ob der Guide absagt, ob das Auto kaputtgeht, ob Menschen halten, was sie versprechen. Ich kann planen, vorbereiten, klug handeln. Aber das Leben? Das Leben ist unkontrollierbar.
Jedes Mal, wenn ich versuche zu kontrollieren, was ich nicht kontrollieren kann, verbrenne ich Energie, werde angespannt, verschließe mich. Und ich erschaffe genau das, was ich vermeiden will: Mangel durch mein Misstrauen, Distanz durch meine Kontrolle, Leiden durch meinen Widerstand gegen das, was ist.
Die selbsterfüllende Prophezeiung: Wie Misstrauen Realität schafft
Unsere Erwartungen beeinflussen unser Verhalten. Unser Verhalten beeinflusst das Verhalten anderer Menschen. Sie reagieren darauf entsprechend. So erfüllt sich das, was wir erwarten.
Eine Kettenreaktion.
Wenn ich dem Guide abweisend und verschlossen begegne, dann wird er vermutlich früher oder später distanziert und abweisend. Die Führung wird unpersönlicher und spassfreier.
Und ich denke: Siehst du? Ich hab’s doch gewusst. Er ist nicht so gut.
Aber war er wirklich nicht so gut? Oder habe ich durch meine Haltung verhindert, dass er gut sein konnte?
In einer Beziehung, wenn ich misstrauisch bin, kontrolliere, hinterfrage, verdächtige – wie wird mein Partner reagieren? Er zieht sich zurück. Er hört auf, offen zu sein.
Und ich denke: Siehst du? Er ist distanziert. Er verbirgt etwas.
Aber war er wirklich nicht vertrauenswürdig? Oder habe ich durch mein Misstrauen eine Atmosphäre geschaffen, in der Vertrauen nicht möglich ist?
Die selbsterfüllende Prophezeiung ist brutal. Wenn ich erwarte, betrogen zu werden, verhalte ich mich so, dass andere sich zurückziehen. Wenn ich erwarte, zu kurz zu kommen, sehe ich nur das, was fehlt, nicht das, was da ist. Nicht, weil die Welt so ist, sondern weil ich so schaue.
Vor den Toren einer Stadt saß einmal ein alter Mann. Jeder, der in die Stadt wollte, kam an ihm vorbei.
Ein Fremder hielt an und fragte den Alten: “Sag, wie sind die Menschen hier in der Stadt?”
“Wie waren sie denn dort, wo Ihr zuletzt gewesen seid?”, fragte der Alte zurück.
“Wunderbar. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Sie waren freundlich, großzügig und stets hilfsbereit.”
“So etwa werden sie auch hier sein.”
Das freute den Fremden und mit einem Lächeln ging er durch das Stadttor.
Später kam ein anderer Fremder zu dem alten Mann.
Auch er fragte: “Sag mir doch, Alter, wie sind die Menschen hier in der Stadt?”
“Wie waren sie denn dort, wo Ihr zuletzt gewesen seid?”, lautete die Gegenfrage.
“Schrecklich. Sie waren gemein, unfreundlich, keiner half dem anderen.”
“So, fürchte ich, werden sie auch hier sein.”
Quelle: unbekannt
Vertrauen braucht Unsicherheit: Das zentrale Paradox
Vertrauen hat mit Ungewissheit und einem Risiko der Enttäuschung zu tun. Es ist ein Zwischending zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit.
Vertrauen existiert nur in der Unsicherheit. Wenn ich weiß, dass etwas funktioniert, brauche ich kein Vertrauen. Wenn ich Kontrolle habe, brauche ich kein Vertrauen. Vertrauen ist genau die Fähigkeit, loszulassen, wenn ich nicht weiß, wie es ausgeht.
Ich will Sicherheit, will Kontrolle, will wissen, dass alles gut wird. Aber genau diese Sehnsucht nach Sicherheit macht Vertrauen unmöglich. Weil Vertrauen heißt: Ich lasse los, ohne zu wissen. Ich gehe ins Risiko.
Und trotzdem sagt die Forschung etwas Erstaunliches: Durch Achtsamkeit entsteht ein zunehmendes Vertrauen, dass sich sogar die größten inneren Dramen wieder auflösen. Wenn wir erkennen, dass es Gedanken sind und diese Gedanken weiterziehen lassen wie Wolken.
Je mehr ich im Jetzt bin, desto mehr erkenne ich: Die Gedanken sind nur Gedanken. Ich kann entscheiden, welche Geschichte ich mir erzähle.
Wir rutschen aus dem Vertrauen, weil wir Menschen sind. Weil unser Gehirn uns schützen will, weil wir nicht im Jetzt sind, weil wir Kontrolle mit Sicherheit verwechseln, weil wir erschaffen, was wir erwarten, weil wir vergessen: Vertrauen braucht Unsicherheit.
Die Frage ist nicht: Wie höre ich auf zu rutschen?
Die Frage ist: Wie komme ich schneller zurück? Zurück ins Jetzt, zurück ins Vertrauen, zurück in die Fülle.

Es gibt keine Technik, die ich einmal lerne und dann bin ich für immer im Vertrauen. Es ist wie ein Muskel, der trainiert wird.
Manchmal sitze ich in einem Workshop und spreche über Vertrauen und positives Mindset. Und zwei Stunden später will ich Konzertkarten online kaufen. Da hakt der Bezahlvorgang und ausverkauft. Natürlich kriege ich die Technik nicht hin. Immer die Langsamste. Immer ich.
Das Mangeldenken ist schneller zurück, als ich „Achtsamkeit“ sagen kann.
Und gleichzeigig verändert sich etwas: Ich bemerke es schneller. Ich erkenne den Moment, in dem ich rutsche. Und ich habe Wege gefunden, zurückzukommen. Vor allen Dingen schneller zurückzukommen.
Thomas kommt zu spät. Wieder mal. Ich hatte extra gesagt: „Bitte sei pünktlich, das ist mir wichtig.“ Und jetzt? Zwanzig Minuten Verspätung.
Alte Reaktion: Ich bin schon in der Geschichte. Er nimmt mich nicht ernst. Ihm ist egal, was mir wichtig ist. Immer muss ich warten. Immer ich.
Neue Praxis: Ich bemerke den Sog. Spüre, wie sich mein Körper anspannt, wie die Wut hochkommt, wie die alte Geschichte sich aufbaut.
Und dann atme ich.
Im Jetzt ist: Thomas ist nicht da. Das ist alles. Der Rest – dass er mich nicht ernst nimmt, dass es immer so ist, dass ich das Opfer bin, dass ich sinnlos warten muss – das ist meine Geschichte.
Kann ich etwas daran ändern, dass er jetzt sofort da ist? Nein. Kann ich die Wartezeit nutzen? Ja. Da bin ich handlungsfähig. Am Handy fummeln geht immer. Und wahrscheinlich ist da noch etwas anderes zu erledigen. Den Zollstock wieder auf seinen Platz tragen, der schon seit einer Woche in der Küchenschublade liegt, wohin er nicht gehört.
Damit bin ich schon zurück im Hier und Jetzt. Manchmal reicht das. Manchmal brauche ich noch, dass ich es mitteile: „Hey, ich hab gewartet. Das war schwer für mich.“ Ohne Vorwurf. Ohne die ganzen Gedanken, die meine Gedanken sind.
Manchmal bin ich noch zu sehr in meinem Ärger, das die Welt und mein Partner nicht so sind, wie ich es möchte. Dann sage ich: „Ich brauche einen Moment. Ich bin noch so sauer, weil ich es mir anders ausgemalt habe.“ Gehe raus, atme, sortiere mich. Dann kann ich zuhören, wie es zur Verspätung gekommen ist.
Oder: Wir haben einen Plan gemacht. Ein Wochenende weg, nur wir zwei. Und dann sagt Thomas zwei Tage vorher: „Mir ist eingefallen, ich habe da noch diesen Termin. Können wir verschieben?“
Alte Reaktion: Explosion. Natürlich. Wieder mal. Andere Dinge sind wichtiger. Ich bin nicht wichtig genug. Immer muss ich zurückstecken.
Neue Praxis: Ich spüre die Explosion kommen. Spüre, wie alles in mir sich zusammenzieht. Und ich sage: „Stopp. Ich brauche eine Pause.“
Gehe in ein anderes Zimmer. Atme. Frage mich: Was ist wahr? Nicht meine Geschichte – was ist jetzt wirklich wahr?
Wahr ist: Ein Termin ist dazwischengekommen. Wahr ist: Ich bin enttäuscht. Wahr ist: Mir ist Zuverlässigkeit und Nähe wichtig.
Das sind die Fakten. Der Rest – dass er mich nicht liebt, dass ich nicht wichtig bin, dass es immer so ist – das ist Mangel. Das sind Mangel-Gedanken.
Ich komme zurück. Sage ihm: „Ich bin enttäuscht. Ich brauche Zuverlässigkeit und Nähe. Können wir dafür Zeit am Wochenende finden?“
Keine Vorwürfe. Keine Opferrolle. Nur: Das ist, was ich brauche.
Manchmal funktioniert es. Manchmal nicht. Manchmal fallen wir beide gleichzeitig, und dann wird es chaotisch. Dann verstricken wir uns in unsere Mangel-Gedanken, kämpfen gegeneinander. Wir vergessen, dass wir ein Team sind.
Aber auch dann – irgendwann – kommt einer von uns zurück. Sagt: „Warte. Lass uns neu anfangen.“ Und wir versuchen es wieder.
So ist das Leben.
Vertrauens-Rituale. 3 Praktiken für den Alltag
Wir haben angefangen, Rituale zu entwickeln. Jeden Abend, bevor wir schlafen gehen, sagen wir einander: „Das war heute ein guter Tag. Was hat dir besonders gefallen?“ Nicht: Was war gut? Nicht: Was hast du geschafft? Sondern: Was war schön?
Das lenkt den Blick. Denn es gibt nur gute Tage. Eine einzelne Situation darf nicht darüber bestimmen, wie ich den ganzen Tag beurteile. Damit erziehe ich mein Denken.
Gerne erzähle ich hier die Geschichte, wie der Stau am Ende des Urlaubs dazu führt, dass Menschen sagen, die ganze Erholung war weg. Ich erlaube meinem Gehirn nicht, so zu denken.
Und dann haben wir noch etwas anderes: Wenn einer von uns bemerkt, dass er im Mangel ist, kann er es sagen. „Ich bin gerade im Gedankenkarussell, dass ich eine arme Wurst bin.“ Das ist alles. Keine Erklärung nötig. Keine Rechtfertigung.
Der andere nickt dann. Hält Raum. Versucht nicht zu „reparieren“ oder zu überzeugen. Bleibt einfach im Vertrauen, während der andere sich sortiert. Wenn wir es zulassen können, dann nehmen wir uns in den Arm und drücken uns für eine Weile.
Wir wissen beide: Der Mangel ist nicht die Wahrheit. Er ist ein Gedanken-Zustand, der vorübergehend.
Wir haben auch eine Frage, die wir einander stellen. Wenn der Gesichtsausdruck hart wird. Wenn das Schweigen irgendwie gerade nicht passt. „Wo bist du gerade?“ Die Frage bringt mich dazu, offen zu legen, wo meine Gedanken gerade spazieren gehen. Ich bemerke: Ach ja, stimmt. Ich war gerade in einer Zukunft, die noch nicht existiert. Oder in einer Vergangenheit, die ich nicht mehr ändern kann.
Und dann kann ich zurückkommen. In diesen Raum. Zu diesem Menschen. In diesen Moment.
Vertrauen als Muskel: Warum die Übung nie endet
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Es hört nie auf.
Ich werde in zehn Jahren immer noch aus dem Vertrauen rutschen. Werde immer noch Momente haben, wo ich denke: Natürlich. Wieder mal. Immer ich.
Aber vielleicht bemerke ich es in zehn Jahren nach zehn Sekunden statt nach zehn Minuten. Vielleicht komme ich schneller zurück. Vielleicht wird der Muskel stärker.
Die Kunst ist nicht, perfekt zu vertrauen. Die Kunst ist, immer wieder zurückzukommen.
Vergleiche verhindern mein Glück
Manchmal werde ich gefragt: „War der Ersatz-Guide am Ende besser als der ursprüngliche?“
Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen.
Ich habe den ursprünglichen Guide nie erlebt. Ich kann nicht vergleichen. Ich weiß nicht, ob er „besser“ oder „schlechter“ gewesen wäre.
Und genau das ist der Punkt.
Ich habe nicht etwas „Besseres“ bekommen. Ich habe etwas anderes bekommen.
Einen Guide, der mit seinem Regenschirm und Taschenlampe durch den Tempel läuft. Der seine politische Meinung mit uns teilt. Perspektiven, die ich alleine nie gefunden hätte. Eine Erfahrung, die mir etwas über mich selbst gezeigt hat.
War das besser? War das schlechter? Die Frage führt nirgendwohin.
Es war das, was war. Und es war genug.
Fazit: Vertrauen ist lebenslange Übung
Was ich in Kambodscha gelernt habe, war nicht: „Vertraue blind und alles wird gut.“
Was ich gelernt habe war: Ich habe eine Wahl.
In jedem Moment, in dem ich merke, dass ich auf der Rutsche sitze – in den Mangel rutsche, in die Kontrolle, in die alte Geschichte – habe ich eine Wahl.
Ich kann dort bleiben. Kann mich in meiner Opferrolle einrichten. Kann die Welt für unfair halten. Kann mich beschweren, dass andere es besser haben.
Oder ich kann zurückkommen.
Zurück ins Jetzt. Zurück zu dem, was wirklich ist. Zurück in die Handlungsfähigkeit.
Das ist keine einmalige Entscheidung. Fallen. Bemerken. Zurückkommen.
Das ist die unendliche Kunst, Kontrolle loszulassen.
Und in Beziehungen? Da wird es noch wichtiger. Weil wir nicht nur für uns selbst entscheiden, sondern miteinander. Weil wir uns gegenseitig in unsere Geschichten ziehen können – oder Räume halten können.
Die Frage ist nie: Werden wir aus dem Vertrauen fallen?
Die Frage ist immer: Wie schnell bemerken wir es? Und wie kommen wir zurück?
Wenn du hier bist
Wenn du das liest und spürst: „Ja, genau das. Genau da stecke ich fest. Genau das erlebe ich in meiner Beziehung“ – dann bist du nicht allein.
Die meisten Paare, mit denen ich arbeite, struggeln mit Erwartungen.
Sie sitzen in der Fülle – und sehen nur, was fehlt.
Sie werden vom Netz getragen – und fühlen sich, als würden sie fallen.
Sie haben einander – und fühlen sich allein.
In meiner Arbeit mit Paaren geht es genau darum: Das Zurückkommen erleichtern.
Mein Angebot für euch
Ich habe ein Paket entwickelt für Paare, die spüren: Wir drehen uns im Kreis. Wir sind gefangen in unseren Mustern. Wir wollen raus aus dem Mangel.
Für Paare, die bereit sind:
- Hinzuschauen, wo sie wirklich sind
- Ihre Geschichten zu erkennen
- Die Kontrolle loszulassen
- Neue Wege zu gehen
Es ist kein schneller Fix. Keine Garantie, dass danach alles leicht ist.
Es ist ein Weg zurück. Zurück zu euch. Zurück ins Vertrauen. Zurück in die Möglichkeit, einander wirklich zu sehen – jenseits eurer Erwartungen, jenseits eurer Ängste, jenseits eurer alten Geschichten.
Ein Weg zurück in die Fülle, die schon immer da war.
Wenn ihr bereit seid für diesen Weg – ich begleite euch gerne.
Hier mehr erfahren: WertSchatz Paket
Denn die unendliche Kunst, Kontrolle loszulassen, lässt sich leichter zu zweit üben. Gleichzeitig bist du selbst verantwortlich für dein Vertrauen. Melde dich, wenn du den eindruck hast, du willst losgehen und dein Lieblingsmensch ist noch nicht so weit.

Neu hier? Ich bin Jutta Büttner, Psychologin, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und Patchwork-Mutter.
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