Wertschätzende Kommunikation (GFK) als Wendepunkt: Die Entdeckung meiner Bedürfnisse

„Hey, Jutta, weshalb entrümpelst du Kommunikation?“ – einfache Antwort: weil ich es kann. Und weil es so wichtig ist, sich selbst zu durchschauen um die besten Entscheidungen für sich selbst zu treffen.

Du hast Zeit für die lange Geschichte? Fein. Ich nehme dich mit in meine Kindheit. In der Kindheit habe ich, wie alle Menschen gelernt, wie die Welt funktioniert. Oder besser gesagt, dass was ich von der Welt aus der Sicht eines Kindes verstanden habe. Alle weiteren Wahrnehmungen habe ich so interpretiert, dass sie zu meiner Weltsicht gepasst haben. Das hat sich erst geändert, als ich Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg kennengelernt habe. Ich nenne es wertschätzende Kommunikation.

Ich habe erlebt, dass meine Muster, wie ich die Welt wahrnehme eben genau das sind: Muster oder Glaubenssätze. Die Welt ist vielleicht eine ganz andere. Denn über meine Worte, Sätze und Geschichten, habe ich mir eine eigene Realität gebastelt.

Das war für mich so gut, dass ich das mit allen Menschen teilen möchte. Finde heraus, was tatsächlich ist und was nur so scheint oder was du daraus gemacht hast.

Mein Warum ändert sich nicht. Ich möchte Menschen helfen, genau hinzuhören, was sie sich selbst erzählen. Vielleicht möchten sie so weiter machen. Wahrscheinlich verwerfen sie den ein oder anderen Glaubenssatz und finden ein neues, hilfreicheres Muster.

Ich entführe dich auf eine Reise in meine Vergangenheit, die von der Prägung meiner Eltern geprägt ist. Durch 50 Jahre Geschichte werfe ich einen Blick darauf, wie die Erfahrungen meiner Eltern meine Einstellung zu Arbeit, Familie und persönlicher Entwicklung beeinflusst haben. Ich lasse dich teilhaben daran, wie mein Leben sich verändert hat.

Meine Eltern sind Kriegskinder.

Um mein Warum zu finden, bin ich in meiner Geschichte 50 Jahre zurückgereist. Ich bin in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen. Mein Vater hat außer Haus gearbeitet. Damit hat er das Geld verdient. Meine Mutter blieb zuhause und arbeitete als Hausfrau. Beide sind gegen Ende des 2. Weltkrieges geboren worden.

Sie sind wohl beide unter dem Eindruck der NS-Erziehungsmethoden aufgewachsen. Deshalb war es für meine Mutter klar, dass es zwischen Eltern und Kindern Distanz geben sollte. Wir sollten nicht verhätschelt werden oder zu sehr gelobt. Das würde uns nicht guttun. Stattdessen sei es wichtig, der Autorität zu gehorchen. Strafen sind erlaubt.

Mein Vater, der jüngste auf dem Bild, seine Eltern und Geschwister.

Familie ist kein Ort der Geborgenheit

Die Gegend, in der meine Eltern geboren wurden, wurde nach Kriegsende Zonenrandgebiet. Daher war es für die Männer aus dieser Gegend klar, dass sie ihre Heimat verlassen und dorthin gehen, wo Arbeit ist. Meine Mutter ist aus einem kleinen Dorf weggezogen. Ihr Vater ließ sie keine Ausbildung machen. Väter und Ehemänner konnten noch bestimmen, ob und was Frau oder Tochter arbeiten darf. Meine Mutter wurde in der Stadt Vollzeit-Hausfrau. Das hat sie nicht selbst entschieden. Das hat sich so ergeben aufgrund der Entscheidungen meines Vaters und ihres Vaters. Vielleicht wollte sie gerne einen Haushalt führen und Kinder groß ziehen? Nein. Nicht wirklich. Es war ein Deal. Versorgung und Rente gegen care-Arbeit (wobei das damals anders genannt wurde). Eigenes Geld kannte sie nicht. Damals bekamen Frauen Haushaltsgeld. Damit mussten sie auskommen.

Jede zahlt einen Preis

Aus meiner Kindersicht war das kein Leben, dass meine Mutter ausgelastet oder glücklich gemacht hat. Das war der Preis, den es sie gekostet hat, versorgt zu sein.

Ich habe meine Mutter in meiner Kindheit bis ungefähr ihrem 40. Lebensjahr als unzufrieden und abgeschnitten vom Leben, Lernen und Wachstum erlebt. Ihre Stimmung wechselte häufig. Sie hatte das Gefühl, in dem Ort nicht richtig anzukommen, immer die Zugezogenen zu sein. Gerne drohte sie oder schwieg beharrlich, wenn wir Kinder uns aus ihrer Sicht falsch verhalten haben. Ich war nicht in der Lage, ihre Stimmung vorherzusagen.

Arbeit statt Therapie oder Beratung

Das änderte sich schlagartig, als wir Kinder alt genug waren, selbstständiger zu sein und aus ihrer Sicht keine engmaschige Betreuung mehr brauchten. Zu diesem Zeitpunkt war ich ungefähr 16 Jahre alt. Meine Mutter entschied sich, Teilzeit arbeiten zu gehen. Ihr Selbstvertrauen stieg. Der nächste Schritt war für sie folgerichtig den Führerschein zu machen. Es war ihr ein Fest, Dinge von ihrem Geld zu bezahlen. „Jetzt spendiere ich mal, dass wir Essen gehen.“ verkündet sie heute noch immer stolz, wenn sie bezahlt. Eigenes Geld zu haben, selbst bestimmen zu können, freut sie.

Diese Glaubenssätze habe ich daraus entwickelt

Für mich war klar:

  • Ich mache alles ganz anders. Ich möchte Nähe zu meinem Partner und zu meinen Kindern. Es wird harmonisch sein. Ich bestrafe nicht. Ich lobe und interessiere mich für ihr Leben.
  • Ich werde arbeiten gehen. Das schützt vor Stimmungsschwankungen, Depressionen.
  • Arbeit ist ein hohes Gut. Arbeit rechtfertigt jede Anstrengung oder Einschränkung.
  • Wenn ich Geld habe, dann kann ich etwas bestimmen.

Statt mich mit meiner Kindheit und den Denkmustern, Ideen, Glaubenssätzen auseinander zu setzen, dachte ich, ich mache einfach das Gegenteil. Das wird sicher funktionieren.

Dieses Gegenteil war oberflächlich. Ich hatte nicht verstanden, dass ich mich mit dem Thema Macht, Gewalt und Gefühlen auseinandersetzen sollte, um tatsächlich mit anderen und mir selbst in Verbindung zu kommen. Selbst älter werden hilft dann nicht. Ich hatte keinen Kontakt zu meinen Bedürfnissen und zu meinen Gefühlen.

Heute habe ich gut lachen.

Ohne Reflexion gewinnt das Muster

Nach meinem Studium zog ich der Arbeit wegen nach Tübingen. Das war für meine Partnerschaft, in der ich zu dieser Zeit lebte, eine harte Prüfung. Denn mein Partner arbeitete in Offenbach und blieb dort. Als mein Partner dann sagte, wir könnten doch eine Familie gründen, ich könne die Kinder großziehen und ihm den Rücken frei halten, war das für mich der Trennungsgrund. Aus meiner Sicht war das eine Einladung für eine Depression.

Jahre später stand die Entscheidung an, ob ich mit dem Vater meiner Kinder nach Norwegen auswandere. Wieder die Entscheidung von mir, das nicht zu tun – es nicht tun zu können. Die Vorstellung in Norwegen ohne Sprachkenntnisse eine Arbeit finden zu müssen und daran zu scheitern, erschien mir wieder wie eine Einladung zu einer Depression.

Erst später erarbeite ich mir, dass es keinen Zusammenhang zwischen mentaler Gesundheit und Arbeit gibt. (Genau genommen ist es nationalsozialistisches Gedankengut. Ein Überbleibsel im Mindset meiner Eltern.)

Ich werde selbst Mutter

Innerhalb von 6 Jahren bekam ich drei Kinder. Jeweils nach wenigen Monaten arbeitete ich wieder. Die Kinder waren bei der Tagesmutter. Solange die Kinder jung waren, schien es wunderbar zu funktionieren. Mit dem Beginn der Phase, in der mein Sohn mehr Selbstbestimmung einforderte, nahmen die Auseinandersetzungen zu – auch in ihrer Härte. Besonders anstrengend war die Auseinandersetzung um Elektrogerätenutzungszeiten.

Ich wollte alles anders machen und habe mich doch in meinen Mustern verstrickt. Anders machen hieß arbeiten gehen, ohne herauszufinden, was gerade wirklich mein Bedürfnis war. Oder was zu dieser Situation gepasst hätte. Arbeiten gehen als eine Lösung für alle Fragen des Lebens.

Schöne Momente.

Wendepunkte kommen unerwartet

Für die Firma, in der ich 2015 arbeitete, habe ich eine Projektgruppe geleitet. Thema war der Umgang mit Gewalt. Bei meiner Recherche bin ich auf die Methode und Haltung Gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg gestoßen. Hier geht es zur ganzen Geschichte. Und es war liebe auf den ersten Blick. Endlich habe ich eine Methode gefunden, mit der ich meine Haltung, meine Werte nach Außen – in die Welt – transportiere. Missverständnisse adé. Ich verstecke mich nicht hinter den Bedürfnissen meiner Kinder (du willst das doch…), sondern stehe dazu, dass ich etwas haben möchte.

Ich habe die Entscheidungsfreiheit, ob ich einfach weiter mache oder ob ich mich verändere. So gebe ich Generationen von weiteren Kindern und Kindeskindern eine Entwicklungsmöglichkeit. Und ja, sie werden auch Muster und Glaubenssätze aus ihrer Kindheit mitnehmen. Und es ist ihre Aufgabe, diese Glaubenssätze darauf zu untersuchen, ob sie ihnen dienen oder sie hindern. Sie werden ihre Entscheidung treffen, ob sie so leben möchten oder ob sie für ihre Bedürfnisse gehen und den nächsten Entwicklungsschritt für sich und damit für die Menschheit gehen. (Gerade ist das Thema „welche Rolle spielt Arbeit für mich?“ dran. Es ist spannend zu erleben, wie unterschiedlich der Blick darauf sein kann.)

Jeden Tag fangen 100 Jahre wieder neu an

unbekannt

Zuerst kommt eine Phase der Trauer

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich selbst annehmen konnte, so wie ich bin und so wie meine Geschichte ist. Heute würde ich es als eine Phase beschreiben, in der ich ehrlich bedauert habe. Ich habe beschlossen, mich berühren zu lassen. Meine Gefühle sind wichtige Hinweise. Ich schaue hinter Ärger und Empörung. So berühre ich auch andere. Im Miteinander wachse ich gemeinsam mit anderen. Ich habe die Herausforderung angenommen, dass ich die Verbundenheit mit anderen brauche. Es ist okay so. Ich akzeptiere, dass ich bedürftig bin nach Nähe.

Nach der Bedauern-Phase ist mein Wunsch nach Entwicklung explodiert. Ich habe Trainings und Ausbildungen besucht, Übungsgruppen gegründet und alles genutzt, was mich in meinem Prozess unterstützt. Mittlerweile ist mir klar, Handlungen sehen gleich aus. Die innere Haltung macht den Unterschied. Fülle oder Mangel? Angst oder Vertrauen? Ich arbeite daran, im Vertrauen zu bleiben. Und das zahlt sich in meinem Leben aus.

Ich bin bereit zu teilen

Es dauerte einige Jahre bis ich selbstbewusst bin. Ich will das Glück, dass ich erfahre, weitergeben.

Ich habe herausgefunden,

  • was ich wirklich will
  • wie ich es so ausdrücken kann, dass andere mich hören können
  • zuzuhören und wirklich tolerant zu sein.
  • dass meine Bedürfnisse von anderen angenommen werden
  • dass ich unterstützt werde, wenn ich mich verändern möchte

Wenn es mein Bedürfnis ist, ein ausgeglichener Mensch zu sein, dann gibt es dafür viele Strategien. Arbeiten, sich anstrengen, ist nur eine Strategie. Ich kann zwischen wählen.

Das möchte ich mit der Welt und allen Menschen teilen. Wir können unsere Sicht auf die Welt ändern. Mit dieser Veränderung ändert sich einfach alles. Ich entscheide mich, welche Gedanken ich denke, wegwische oder loslasse.

Ich schließe Frieden

Mittlerweile kann ich mit meiner Mutter umgehen. Ich habe ein gutes Verhältnis mit meinen Kindern (der augenblicklichen Phase entsprechend) und meinem Partner. Das bedeutet, wir haben Konflikte und kennen die Möglichkeiten, Konsens zu finden.

Mit jeder meiner Veränderungen ist das Verhältnis zu meiner Mutter klarer und freundlicher geworden. Sie wird 2023 83 Jahre alt und verfolgt mein Tun hier im Internet.

Triff deine Entscheidung: weiter so oder hinsehen?

Es ist gleichgültig, zu welchem Zeitpunkt im Leben du die Entscheidung triffst, …

  • dass du jetzt deine Muster veränderst
  • dass es dir jetzt wichtig ist, mit dir in Verbindung zu sein
  • dass es möglich ist, anders zu denken

Du bist wichtig. Deine Haltung macht den Unterschied in deiner Familie. Du darfst deine Bedürfnisse und Gefühle zeigen. Und du kannst jeden Tag entscheiden, dass die Zeit genau jetzt richtig ist, deine Muster zu entrümpeln.

Wenn du dein Muster entrümpeln möchtest, aber nicht genau weißt wie, dann hätte ich folgende Ideen:

  1. Bring mehr Wertschätzung in deinen Alltag. Hier 101 Ideen für mehr Wertschätzung.
  2. Schau dir an, wie du anders Konflikte lösen kannst. Hier meine Schritt-für-Schritt-Anleitung.
  3. Setzt dich auf die Warteliste für meine Kurs „Entrümple deine Kommunikation“.

Langfristig ist es eine Entscheidung die Perspektie zu wechseln. Schau darauf, was du tatsächlich tust und wie du es einordnen könntest. Dafür braucht es eine aussenstehende Person. Wenn du soweit bist und in dich investieren möchtest, dann buch dir ein Kennenlerngespräch bei mir. Ich bin Weltmeisterin im Muster finden und auflösen.

Jutta Büttner mit Handy

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Aimée Riecke

    Liebe Jutta,
    was für ein besonderer, tiefgehender und sehr berührender Artikel.
    Ich habe ihn sehr gerne gelesen!
    Danke fürs Teilen!
    LG Aimée

    1. Jutta Büttner

      Liebe Aimée,
      Danke schön für deinen Kommentar hier. Es ist schön zu erleben, dass Gedanken gelesen werden.

      Herzliche Grüße
      Jutta

  2. Manuela Krämer

    Liebe Jutta,
    du hast mich erwischt. Auch ich arbeite hart und meine, nur so kann ich mich wohlfühlen. Dann wird es mir zu stressig und ich sag mir, „stell dich nicht so an“. Bin spät Mutter geworden und wollte früher alles, nur nicht als „Heimchen am Herd“ enden. Dann meditiere ich eine Zeit lang regemäßig und merke, wie gut es mir tut, mich auf mich (nur mich) zu fokussieren.
    Meine Mutter (ihr Vater höchstwahrscheinl. Nazi, Mama das Gegenteil) findet, ich verziehe unser Einzelkind. Ich finde, ich kann ihm nicht genug Liebe geben. Tja, ein klassischer Fall einer Kriegsenkelin. 🙂 Ich finde es toll, wie du beschreibst, wie man damit für sich am besten umgehen kann – und wie du es machst.
    Liebe Grüße, Manuela

    1. Jutta Büttner

      Liebe Manuela,
      Vielen Dank für deine Offenheit. Das tut so gut, nicht alleine damit zu stehen.

      Sich auf sich selbst, die eigene Intuition (wie viele Nähe gebe ich meinem Kind) zu verlassen, ist eine so gute Entscheidung. Gleichzeitig beruht es darauf, dass du schon so viele Schritte gegangen bist, die eigenen Glaubenssätze als das zu sehen, was sie sind: Gedanken.

      Ich feiere dich.

      Herzliche Grüße
      Jutta

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